„Warum Body-Cams deeskalieren können“ – Psychologe Udo Kluttig über Wirkung, Grenzen und den Spiegel-Effekt

Body-Cams gelten für die einen als wirksames Mittel zur Deeskalation, für die anderen als Symbol zunehmender Überwachung. Doch wie wirken Körperkameras tatsächlich auf Menschen in Konfliktsituationen? Warum verändert allein das sichtbare Tragen einer Body-Cam oft schon das Verhalten des Gegenübers – und welche besondere Rolle spielt dabei ein Frontdisplay?

Darüber haben wir mit Diplom-Psychologe und Deeskalationstrainer Udo Kluttig gesprochen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich und praktisch mit den psychologischen Wirkmechanismen von Body-Cams im Einsatzalltag von Verkehrsunternehmen, Behörden und Sicherheitskräften. Im Interview erklärt er, warum Konflikte eskalieren, wie Body-Cams auf beide Seiten wirken – und weshalb Technik allein noch keine Sicherheit schafft.

Aktuelle Lage

Herr Kluttig, seit dem tödlichen Angriff auf Zugbegleiter Serkan Çalar wird intensiv über Body-Cams diskutiert. Die einen sehen sie als Allheilmittel, die anderen als reines, vergleichsweise nutzloses oder übertriebenes Überwachungsinstrument. Sie beschäftigen sich seit über 30 Jahren mit Deeskalation und seit vielen Jahren speziell mit Body-Cams. Wie erleben Sie diese Debatte?

Als zugespitzt und übermäßig vereinfacht – weder die eine noch die andere Aussage trifft in Ihrer Radikalität zu. In unserer Wirkungsforschung zum Einsatz von Body-Cams in Zügen konnten wir feststellen, dass Körperkameras präventiv nutzen und die Anzahl von eskalierenden Konflikten deutlich reduzieren können. Allerdings sind sie keine „Wunderwaffe“, die automatisch zu 100 Prozent für gewaltfreie Verläufe sorgt. Es gibt Vorfälle, Personengruppen und Zeitpunkte, bei denen das Einsatzmittel Body-Cam nicht zu einer Beruhigung beiträgt, manchmal sogar Aggression fördert. Body-Cams können daher auch nur ein Bestandteil eines umfassenderen Schutzkonzepts vor Übergriffen sein und Kameratragende müssen vor dem Einsatz entsprechend im Umgang geschult werden.  

Die Seite des Gegenübers

Stellen wir uns eine konkrete Situation vor: Ein Fahrgast ohne Ticket wird von einem Zugbegleiter kontrolliert, die Stimmung kippt, er wird laut. Was passiert in diesem Moment psychologisch – warum eskaliert ein Mensch, der eigentlich weiß, dass Gewalt falsch ist?

Menschliches Miteinander ist ein komplexes Wirkungsgeschehen – die Psychologie kennt daher nicht eine – immer zutreffende – Ursache von Aggression, sondern eine Vielzahl von Wirkungszusammenhängen bzw. Theorien, die Erklärungsbeiträge liefern. Neben der grundsätzlichen Disposition bzw. Gewaltbereitschaft spielt bei dem Fahrgast die Situation und seine Stimmung eine Rolle. War der Fahrkartenautomat am Bahnhof defekt? Ist sein Handyakku gerade alle? Ist er gestresst, weil der Zug verspätet, zu voll oder zu heiß ist? Manchmal wird ein Fahrgast bewusst gewalttätig, z. B., weil er sich ungerecht behandelt fühlt. Manchmal gibt er aber einfach einem z. B. aus Frustration oder Erregungsübertragung entstandenen aggressiven Impuls nach – ohne selbst in dem Moment genau zu wissen – warum er „laut“ wird. Ein entstehender Konflikt ist zudem ein dynamisches Geschehen von mindestens zwei Seiten, die aufeinander reagieren: Die Grundhaltung und das Verhaltensrepertoire des Zugbegleiters, aber auch seine „Tagesform“ und vorgehende Erlebnisse spielen eine Rolle: Ist er gestresst, weil der Zug verspätet, zu voll oder zu heiß ist? Hat seine Kommunikation freundlich, wertschätzend begonnen und reagiert er verständnisvoll? Weiß er von dem defekten Automaten bzw. ist es für ihn glaubwürdig, dass in dem stromlosen Telefon die Fahrkarte hinterlegt ist? Kann er bei ersten Aggressionen des Kunden ruhig und lösungsorientiert bleiben oder wird er selbst eskalierend verhärtend und verengt die Situation? Schon kleine Veränderungen bei diesen Einflussfaktoren können zu einem gewaltfreien, manchmal sogar für beide Seiten positiven Gesprächsverlauf führen. Letztlich ist also jeder Kundenkontakt einzigartig / einmalig, auch daher kann es kein Patentrezept zur Prävention bzw. gegen Aggression geben.

Und jetzt kommt die Body-Cam ins Spiel. Der Zugbegleiter sagt: „Wenn Sie sich nicht beruhigen, schalte ich die Kamera ein.“ Allein dieser Satz verändert laut Praxisberichten von Body-Cam Träger:innen oft schon die Situation. Warum?

Da muss ich erst einmal auf Ihre ersten Sätze reagieren. Die Body-Cam kommt nicht erst ins Spiel, wenn der Zugbegleiter darauf hinweist. In unseren Erhebungen finden sich deutliche Hinweise darauf, dass schon allein das reine „Tragen“ einer Body-Cam im Zug positive Wirkungen auf das Sozialverhalten der Kunden hat. Dies scheint teilweise auch der Fall zu sein, wenn die Kunden nicht mal bewusst wahrgenommen haben, dass der Kundenbetreuer damit ausgerüstet ist. Die Body-Cam scheint ein Beispiel von den gerade erwähnten „kleinen Veränderungen“ bei den Einflussfaktoren der Interaktion zu sein, die überwiegend einen kooperativeren Umgang mit den Zugbegleitern fördert. So berichten viele Kundenbetreuer, dass sie im Dienst mit Body-Cam zügigere Mitwirkung bei der Fahrkartenkontrolle erleben und weniger Argumentation bei Anweisungen nötig sind. Langjährige Kundenbetreuer fühlen sich an die Jahrzehnte erinnert, als der respektvolle Umgang mit Dienstkleidungsträgern üblich war. Allerdings gibt es auch Personen – wenn auch nur ca. 10 % der Kunden-, die Body-Cams bei Zugbegleitern eher ablehnen bzw. bedenklich finden. Bei einigen dieser Gruppe muss mit Nachfragen bzw. Äußerungen von Unverständnis gerechnet werden, wenn sie die Kamera bemerken. Erfahrungsgemäß können diese Bedenken mit entsprechenden Hinweisen (z. B. Aufnahmen nur in sicherheitsrelevanten Situationen, Auswertung nur bei Straftaten durch die Polizeibehörden) meist schnell geklärt werden und führen nicht selbst zu problematischen Eskalationen.

Nun weiter zu den erfragten Wirkungsmechanismen, wenn der Zugbegleiter in einer konfrontativen Situation von seiner Seite aus – wie in Ihrem Beispiel – auf die Kamera hinweist: Bei einem Großteil der Kunden werden rationale Denkprozesse ausgelöst, d. h. eine Abwägung zwischen dem wahrscheinlichen Nutzen und Kosten (Bestrafung) einer Eskalation durch eine anstehende Videodokumentation findet statt. Die Body-Cam kann bei einer Aufnahme wie ein „Wächter“ zu einem gewaltfreien Verlauf beitragen. Falls dieser Hinweis zum richtigen Zeitpunkt mit geeigneten Formulierungen erfolgt, haben wir bei der Mehrheit der Gegenüber ein einlenkendes, deeskalierendes Verhalten festgestellt – ohne dass eine Aufnahme erfolgen muss.

Bei Body-Cams mit Frontdisplay sieht das Gegenüber sein eigenes Gesicht auf einem Bildschirm – in Echtzeit, mitten in der Eskalation. Was löst das psychologisch aus?

Fast alle Personen haben zu sich selbst eine positive Meinung und sehen sich als friedliebenden prosozialen Mitmenschen unserer Gesellschaft. Ein Frontdisplay erzeugt Selbstaufmerksamkeit, – wenn das Gegenüber sich dann mit einem wutverzerrten Gesicht und aggressiven Gesten selbst erkennt – ist das irritierend und schafft psychische Dissonanz. Die Irritation kann die Eskalationsautomatismen unterbrechen und die als unangenehm empfundene Dissonanz kann durch eine deeskalierende Verhaltensanpassung (Unterlassung der Aggression, sichtbare Beruhigung) abgebaut werden. Das Gegenüber sieht sich dann im Display wieder selbstbildkonform. Bei unseren Untersuchungen konnten wir feststellen, dass bei einer Unterstützung durch den Spiegelbildschirm – beim oben erläuterten Hinweis auf die Cam – die Quote der deeskalierenden Wirkung zwischen 70 und 80 % lag – ohne dass es zu einer Aufnahme kam. Der deeskalierende Wirkungsgrad der Body-Cam ist letztendlich potenziell noch höher. Bei den übrig gebliebenen Vorfällen regen sich in der nächsten Einsatzstufe – falls sich der Tragende für den Start einer Aufnahme (Rotlicht) entscheidet – viele Aggressoren im Verlauf der aktivierten Body-Cam-Aufzeichnung schnell ab und die Situation beruhigt sich. So werden erfahrungsgemäß deutlich weniger als 50 % der Aufnahmen von den Beteiligten bei den Strafverfolgungsbehörden angezeigt.

Gibt es Menschen, bei denen dieser „Spiegel-Effekt“ nicht funktioniert? Wann stößt eine Body-Cam an ihre Grenzen?

Ja, die gibt es. Mehrere der geschilderten psychologischen Wirkungsmechanismen hängen mit einer bewussten Wahrnehmung und geordneten rationalen Informationsverarbeitung zusammen. Bei Menschen in bereits stark eskalierten Situationen, die sich z. B. schon schlagen, oder sich in einem Wut- oder Gewaltrausch befinden, funktionieren die „höheren“ – für rationale Gedankenverarbeitung zuständigen – Gehirnregionen nicht mehr. Ein Hinweis auf die Kamera bzw. das Spiegelbild selbst wird gar nicht wahrgenommen oder könnte gar als gewaltsteigernde Störung wirken. Während einer Prügelei unter Fußballfans sollte ich als Fahrgastbetreuer nicht denken, ein Body-Cam-Einsatz mit dem Spiegelbild könnte noch beruhigen – hier sollte ich eher mich selbst und ggf. andere Unbeteiligte in Sicherheit bringen und mich darüber freuen, dass eine Beweissicherung bereits über die festinstallierten Videokameras erfolgt.

Auch bei Personen mit bestimmten psychischen Erkrankungen und Drogenkonsumierenden sollte besondere Vorsicht von Body-Cam-Tragenden gelten, da eine gewaltzunehmende Wirkung nicht ausgeschlossen werden kann. Daher muss in Vorbereitungsschulungen an besondere Vorsichtsmaßnahmen erinnert, das Urteilsvermögen gezielt geschärft und Verhaltensvarianten mit bzw. ohne Body-Cam-Einsatz intensiv trainiert werden.

Die Seite der Tragenden

Bisher haben wir über die Wirkung auf das Gegenüber gesprochen. Aber wie wirkt die Body-Cam eigentlich auf die Person, die sie trägt? In Ihrer Arbeit als Body-Cam Trainer erleben Sie sicher, dass nicht alle Mitarbeitenden begeistert sind, wenn die Körperkamera eingeführt wird. Woher kommt diese Skepsis?

Vielen Dank für diese gute Frage! Die gerade besprochene Wirkung auf das Gegenüber hängt auch mit der Einstellung des Tragenden und Wirkung auf ihn zusammen. Wenn z. B. eine Mitarbeiterin die Einführung von Body-Cams als positive, hilfreiche und passende Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten ersehnt, wird sie die Körperkamera ohne große Ängste freiwillig und selbstbewusst tragen. In der Psychologie ist die „Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung“ belegt und die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich positive Wirkungen der Bodycam wahrnimmt, steigt dadurch.

Umgekehrt funktioniert die „Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung“ leider auch bei negativen Vorzeichen verstärkend. Daher ist es wichtig bei der Einführung die Hintergründe von Skepsis und Bedenken zu kennen und konstruktiv damit umzugehen.

Viele Mitarbeitende befürchten, dass Angesprochene sich durch die Body-Cam provoziert fühlen könnten und das Tragen noch mehr Stress für sie bedeutet. Aus Befragungen bei Kundenbetreuern 2019/20 wissen wir, dass weniger als die Hälfte selbst eine Körperkamera nutzen würden und viele davon denken, dass das Tragen Fahrgäste einschüchtern könnte und nicht zum Auftreten eines Kundenbetreuers passt. Einige äußerten grundrechtliche Bedenken und manche befürchten, dass das Unternehmen die Aufnahmen gegen Sie verwenden könnte.

Manche Mitarbeitende berichten, dass sie sich mit Body-Cam sicherer fühlen – andere sagen, sie fühlen sich wie unter Dauerbeobachtung. Wie erklärt die Psychologie diesen Widerspruch?

Es ist kein Widerspruch, sondern hängt mit den genannten Voreinstellungen zur Body-Cam und den organisatorischen Umgang zusammen.

Die in der vorherigen Frage näher beschriebene „begeisterte Mitarbeiterin“ wird sich mit der Kamera subjektiv sicherer fühlen. Durch die empfundene Handlungsfreiheit werden Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht und das eigene Kontrollgefühl gefördert. Tatsächlich konnten wir 2020 in zwei unabhängigen Gruppen von Freiwilligen feststellen, dass das subjektive Sicherheitsempfinden gestiegen ist und Hinweise finden, dass die Arbeitszufriedenheit positiv beeinflusst werden kann.

Warum fühlen sich andere kontrolliert oder gar „unter Dauerbeobachtung“? Dazu lohnt es sich die „Skeptiker“ von gerade näher zu betrachten. So gibt es Mitarbeitende, die die Einführung von Body-Cams nicht als Wertschätzung des Arbeitsgebers, sondern als Kritik an ihrer bisherigen Tätigkeit und Arbeitshaltung sehen. Subjektiv empfinden Sie die Body-Cams nicht als Bereicherung, sondern gar als Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit. Dies kann zu Reaktanz und verstärkter Ablehnung führen. Auch kann so das Tragen bzw. Benutzen der Body-Cam verunsichern und Ängste erzeugen. Aus Polizeiuntersuchungen ist bekannt, dass einige Beamte in ihrer Kommunikation unsicherer oder formaler werden und auch das Anordnungsverhalten sich ändern kann. Bei einer Schweizer Stadtpolizei hat sich nach dem Evaluationszeitraum – u. a. durch die Praxis Body-Cam-Aufnahmen für dienstliche Kritikgespräche zu verwenden – eine skeptischere Haltung gegenüber den Körperkameras entwickelt.

Anders als im anglo-amerikanischen Raum ist die Body-Cam in Deutschland zum Schutz und für die Sicherheit der Mitarbeitenden angeschafft worden. Die Mitarbeitenden sollen Sie positiv als zusätzliche Handlungsmöglichkeit erleben und dürfen daher bisher selbst entscheiden, ob sie beim Vorliegen entsprechender Lagen die Body-Cam aktivieren oder nicht.

In Unternehmen, bei denen der Betriebs- bzw. Personalrat die Einführung forciert, erlebe ich immer wieder, dass über Vereinbarungen die innerbetriebliche Nutzung von Aufnahmen beschränkt bzw. ausgeschlossen wird, um diesbezügliche Befürchtungen und Skepsis abzubauen. Daneben ist es hilfreich, wenn in einer ersten Testphase positive Anwendungserfahrungen auch bezüglich eines wertschätzenden, mitarbeiterstärkenden Verhaltens von Führungskräften gesammelt werden können.  So weiß ich von einem Ordnungsamt, dass innerhalb des Probezeitraums nahezu alle dort anfänglich zahlreichen Skeptiker zu Body-Cam-Befürwortern gewandelt wurden. Dort hat auch das Erlebnis dazu beigetragen, dass eine Body-Cam-Aufnahme den Träger von Gegenvorwürfen entlasten konnte.

Die oben genannten positiven Erfahrungswerte bezüglich der Body-Cam-Wirkung werden sie nur erzielen, wenn Sie überzeugte, selbstsichere Body-Cam-Tragende als Personal einsetzen – keine Mitarbeitenden, die verunsichert sind und Angst davor haben, dass das Einsatzmittel gezielt zu Ihrer Überwachung bzw. Kontrolle eingesetzt wird.

Konsequenzen für die Praxis

Die Deutsche Bahn hat angekündigt, 2026 alle Mitarbeitenden mit Kundenkontakt auf Wunsch mit Body-Cams auszustatten. Reicht es, die Mitarbeitenden über diese Neuerung zu informieren und sie technisch einzuweisen? Was muss noch passieren?

Die Vermittlung der rechtlichen Hintergründe, der damit verbunden betrieblichen Einsatzregeln und auch die Behandlung der Technik sind zentrale Inhalte. Neben dem zuletzt oben Angesprochenen, ist zudem unverzichtbar: 1. das Schärfen des Urteilsvermögens (wann sollte ich, bei wem, mit welchen Worten/Vorgehen die Body-Cams einsetzen?) und 2. das praktische realitätsnahe Üben mit gemeinsamer Reflexion. Dazu sind speziell qualifizierte Verhaltenstrainer, ein Präsenzschulungstag mit kleiner Gruppengröße und eine entsprechende technische Ausrüstung erforderlich.  Nur so können Sie gewährleisten, dass die Body-Cam selbstsicher getragen und lagegerecht eingesetzt wird.  Bei unzureichender Vorbereitung der Tragenden steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Situationen trotz oder gar wegen des Body-Cam-Einsatz eskalieren!

In einigen Bereichen der DB Regio konnte ich selbst die Konzeption positiv mitgestalten. Ich kann nur hoffen, dass sich andere DB-Bereiche bzw. Anwender an diesem Maßstab orientieren.

Sie bilden seit 2020 Mitarbeitende in Behörden und Verkehrsunternehmen im Body-Cam Einsatz aus. Was ist der häufigste Fehler, den Organisationen bei der Einführung machen?

Die unzureichende bzw. zu späte Einbeziehung der Tragenden bei der Planung bzw. Realisation. Dadurch werden Ängste und Widerstände bezüglich des Einsatzmittels unnötig erhöht. Die Mitarbeitenden erfahren durch frühzeitige Beteiligung eher die Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit und Situationskontrolle. Die Einbeziehung bei der Klärung von Grundsatzfragen (z. B. Wer darf auf die Aufnahmen zugreifen?) oder auch Details (z. B. wie werden die Kameras an der Dienstkleidung befestigt?) können die Einsatzbereitschaft und auch die spätere Wirkung von Body-Cams stark beeinflussen. Organisationen sollten nicht dem Irrtum unterlaufen, dass nur durch den Beschluss der Einführung eine positive Erfahrung und Wirkung garantiert sind. Das ist nur der aus meiner Sicht häufigste Fehler – gerne gebe ich interessierten Organisationen weitere Hinweise.

Abschluss

Kritiker bezeichnen Body-Cams als „Strohfeuer“ – eine sichtbare Maßnahme, die schnell verpufft. Was antworten Sie denen?

Ich kann nicht ausschließen, dass die aufgezeigten positiven Effekte nicht nach einer gewissen Gewöhnungsphase langfristig nachlassen. Innerhalb unserer zweijährigen Evaluationsarbeit in NRW konnten wir allerdings keine Abnahme feststellen.  Da die interaktive Benutzung der Body-Cam in entstehenden Konfliktsituationen stets mit einem deutlichen Hinweis auf die Kamera verbunden ist, schätze ich die Wahrscheinlichkeit bzw. den Umfang eines Verblassens/Verpuffens auch als eher gering ein.

Die Body-Cam allein kann sicherlich nicht den allgemeinen Trend der Respektlosigkeit und Gewaltzunahme in unserer Gesellschaft aufhalten, aber sie kann – richtig eingesetzt – die Wahrscheinlichkeit von Übergriffen auf die Tragenden deutlich reduzieren!

Ein Frontdisplay erzeugt Selbstaufmerksamkeit, irritiert und erzeugt psychische Dissonanz. Die Irritation kann Eskalationsautomatismen unterbrechen und die als unangenehm empfundene psychische Dissonanz kann durch eine deeskalierende Verhaltensanpassung abgebaut werden.

Udo Kluttig, LOGO - Gesellschaft für Schulung und Beratung

Über Udo Kluttig

Udo Kluttig ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der LOGO Gesellschaft für Schulung und Beratung GbR in Bochum. Gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Oberberg arbeitet er seit vielen Jahren im Bereich Schulung, Coaching und Beratung – insbesondere zu den Themen Gewaltprävention, Konfliktbewältigung, Kommunikation und Deeskalation in anspruchsvollen beruflichen Situationen.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Einführung und dem Einsatz von Body-Cams im Sicherheits-, Verkehrs- und Behördenumfeld. In diesem Zusammenhang führt er evidenzbasierte Schulungen sowie Train-the-Trainer-Programme durch und beschäftigt sich insbesondere mit den psychologischen Aspekten von Deeskalation und Mitarbeiterschulung. Zudem tritt er regelmäßig als Referent auf Fachkonferenzen und Branchenveranstaltungen auf, beispielsweise auf der NetCo Body-Cam Konferenz oder den NetCo Body-Cam Fachdialogen.

Udo Kluttig auf dem Fachdialog in Kassel
Udo Kluttig als Referent auf dem Fachdialog 2026 in Kassel

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Body-Cams können Konflikte entschärfen, indem sie die Aufmerksamkeit der Beteiligten auf ihr eigenes Verhalten lenken. Zudem lösen sie bei vielen Menschen eine bewusste Abwägung möglicher Konsequenzen aus. Die Aussicht auf eine mögliche Dokumentation führt häufig dazu, dass aggressives Verhalten reduziert oder ganz unterlassen wird.

Nein. Body-Cams sind keine Garantie für gewaltfreie Situationen. Sie können die Wahrscheinlichkeit von Eskalationen und Übergriffen reduzieren, sind jedoch nur ein Baustein eines umfassenden Sicherheits- und Schutzkonzepts.

Ein Frontdisplay zeigt dem Gegenüber sein eigenes Bild in Echtzeit. Dieser sogenannte „Spiegel-Effekt“ kann Selbstaufmerksamkeit erzeugen und aggressive Verhaltensmuster unterbrechen. Viele Menschen korrigieren ihr Verhalten, wenn sie sich selbst in einer eskalierenden Situation sehen.

Bei stark emotionalisierten oder bereits gewalttätigen Personen kann die Wirkung eingeschränkt sein. Menschen in einem Wut- oder Gewaltrausch nehmen Hinweise auf die Kamera oft nicht mehr bewusst wahr. Auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen oder unter Drogeneinfluss kann die Wirkung geringer oder sogar kontraproduktiv sein.

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